Zwischen Stigma und Superkraft: Wie viel Anderssein hält unsere Gesellschaft eigentlich aus?
Vor ein paar Tagen bin ich über einen Artikel in der WELT gestolpert. Der Titel: „Die heimliche Macht der Psychonarzissten“. Darin geht es zugespitzt um die Beobachtung, dass Diagnosen wie ADHS, Autismus oder auch psychische Belastungen heute sehr viel sichtbarer sind als früher – und teilweise nicht mehr verschwiegen, sondern offen benannt, zur Identität gemacht oder sogar als etwas Besonderes dargestellt werden.
Über die Art, wie dieser Artikel das beschreibt, kann man sicherlich streiten. Aber während ich ihn gelesen habe, ist bei mir vor allem eine andere Frage hängen geblieben: Warum schaffen wir es eigentlich so schwer, Anderssein einfach sein zu lassen? Denn wenn wir ehrlich sind, erleben wir gerade in vielen Bereichen eine Gegenbewegung. Was früher stigmatisiert wurde, wird heute teilweise glorifiziert.
Früher hieß es sinngemäß: „Du bist anders. Mit dir stimmt etwas nicht.“ Heute begegnet einem nicht selten: „Du bist anders. Das ist deine Superkraft.“ Aber warum muss es eigentlich immer eines von beidem sein? Warum muss Anderssein entweder etwas sein, das wir korrigieren wollen – oder etwas, das wir außergewöhnlich machen müssen?
Vielleicht liegt das eigentliche Problem viel tiefer.

Wir denken sehr schnell in Problemen
Unsere Gesellschaft hat ziemlich genaue Vorstellungen davon entwickelt, wie ein Mensch funktionieren sollte. Kinder sollen sich zu bestimmten Zeitpunkten auf bestimmte Weise entwickeln. Sie sollen stillsitzen können, zuhören, ihre Aufmerksamkeit steuern, Reize ausblenden, sich in Gruppen einfügen, Impulse kontrollieren und möglichst in einem vorgegebenen Zeitfenster lernen.
Später geht es weiter. Erwachsene sollen organisiert sein, pünktlich, belastbar, konzentriert, sozial angepasst, möglichst konstant leistungsfähig und dabei natürlich auch noch flexibel. Und wenn jemand an bestimmten Stellen nicht in dieses Bild passt, entsteht ziemlich schnell die Frage: Was stimmt mit diesem Menschen nicht?
Wir suchen die Abweichung im Menschen. Wir diagnostizieren sie, benennen sie, kategorisieren sie und versuchen dann, Unterstützung zu schaffen, damit dieser Mensch innerhalb des bestehenden Systems besser zurechtkommt.
Und bevor das falsch verstanden wird: Diagnosen können enorm wichtig sein. Sie können entlasten, erklären und Zugang zu Hilfe, Therapie, Unterstützung oder Nachteilsausgleichen ermöglichen. Es geht mir nicht darum, Diagnosen abzuschaffen oder Schwierigkeiten kleinzureden.
Mich interessiert vielmehr eine andere Frage: Warum überprüfen wir so selten die Bedingungen, unter denen ein Mensch überhaupt als eingeschränkt gilt?
Einschränkung – aber gemessen woran?
Gerade bei Neurodivergenz finde ich diesen Gedanken spannend. ADHS oder Autismus können selbstverständlich mit erheblichen Schwierigkeiten und einem hohen Leidensdruck verbunden sein. Menschen können dadurch in bestimmten Lebensbereichen deutlich beeinträchtigt sein und Unterstützung benötigen.
Aber trotzdem lohnt es sich, bei dem Begriff Einschränkung genauer hinzusehen. Eingeschränkt wobei? Gemessen woran? Und vor allem: Gemessen an welcher Vorstellung davon, wie ein Mensch funktionieren sollte?

Nehmen wir ein Kind mit ADHS. Ein Klassenraum mit vielen Kindern, Geräuschen, visuellen Reizen, langen Sitzphasen und einem vorgegebenen Arbeitsrhythmus kann für dieses Kind enorm anstrengend sein. Es verliert den Fokus, wird unruhig, kann Reize schlechter filtern und gerät vielleicht irgendwann auch emotional an seine Grenzen.
Wir sehen dann ein Kind, das in diesem System Schwierigkeiten hat. Aber was passiert, wenn wir die Bedingungen verändern? Wenn es mehr Bewegung gibt, weniger Reize, kleinere Gruppen, flexible Lernphasen, andere Möglichkeiten, Wissen aufzunehmen, mehr Pausen und mehr individuelle Regulation?
Das ADHS verschwindet dadurch nicht. Aber möglicherweise verändert sich das Ausmaß dessen, was wir als Beeinträchtigung erleben. Und genau hier wird es für mich spannend, denn vielleicht liegt nicht alles, was einen Menschen behindert, ausschließlich in diesem Menschen. Vielleicht entsteht manches auch in der Begegnung zwischen einem Menschen und einer Umwelt, die für seine Art zu funktionieren wenig Spielraum lässt.
Wir machen Menschen passend für Systeme
Wir erschaffen Systeme. Dann definieren wir, wie Menschen innerhalb dieser Systeme funktionieren sollen. Und anschließend stellen wir fest, dass ein Teil der Menschen nicht hineinpasst. Also entwickeln wir Maßnahmen, damit diese Menschen wieder besser in das bestehende System passen.
Vielleicht müssten wir zwischendurch aber auch einmal die entgegengesetzte Frage stellen: Ist der Mensch tatsächlich zu unflexibel für das System – oder ist das System möglicherweise zu unflexibel für Menschen?

Natürlich braucht eine Gesellschaft Strukturen. Schule kann nicht für jedes einzelne Kind vollständig individuell aufgebaut werden, und ein Arbeitgeber kann nicht jede Arbeitsumgebung ausschließlich nach persönlichen Bedürfnissen gestalten. Aber zwischen völliger Individualisierung und einem starren Einheitsmodell liegt unglaublich viel Raum.
Denn Menschen unterscheiden sich nun einmal: in ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Wahrnehmung, ihrer Belastbarkeit, ihrem Bedürfnis nach Ruhe oder Bewegung, ihrer Art zu lernen, ihrer Kommunikation, ihrem sozialen Bedürfnis und ihrem Nervensystem.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung deshalb nicht darin, diese Unterschiede endlich richtig zu benennen. Vielleicht besteht sie darin, mehr Unterschiedlichkeit auszuhalten.
Aber bitte auch nicht das nächste Extrem
Gleichzeitig tue ich mich auch mit der Gegenbewegung schwer. Denn aus meiner Sicht hilft es genauso wenig, aus jeder Neurodivergenz automatisch etwas Außergewöhnliches zu machen.
Nicht jedes ADHS ist eine Superkraft. Nicht jeder autistische Mensch verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten. Nicht jedes Anderssein muss besonders sein. Manchmal ist etwas einfach anstrengend, manchmal belastend, manchmal braucht jemand Hilfe. Und manchmal gibt es gleichzeitig Eigenschaften, die ein Mensch an sich sehr schätzt.
Beides darf nebeneinander existieren.
Ich muss eine Schwierigkeit nicht romantisieren, damit der Mensch dahinter wertvoll ist. Und ich muss eine Besonderheit nicht pathologisieren, nur weil sie von einer gesellschaftlichen Norm abweicht.
Vielleicht liegt genau dort die Mitte, die uns manchmal verloren geht: Ein Mensch kann sagen, dass sein Gehirn auf eine bestimmte Weise funktioniert. Manche Dinge fallen ihm leicht, andere schwer. Bestimmte Umgebungen tun ihm gut, andere überfordern ihn. Er braucht vielleicht andere Bedingungen als jemand anderes. Und nichts davon macht ihn automatisch besser oder schlechter.
Warum müssen wir Anderssein überhaupt bewerten?
Das ist vielleicht die Frage, die mich an dieser ganzen Debatte am meisten beschäftigt. Warum reicht es uns so selten, Unterschiede einfach wahrzunehmen? Warum müssen wir sofort entscheiden, ob etwas gut oder schlecht, Stärke oder Schwäche, Defizit oder Superkraft ist?
Vielleicht ist auch die romantisierte Erzählung nur eine andere Form derselben Denkweise. Denn vorher hieß es: „Du weichst von der Norm ab, deshalb bist du weniger.“ Heute lautet die Botschaft manchmal: „Du weichst von der Norm ab, deshalb bist du besonders.“
Aber in beiden Fällen bleibt die Norm der Bezugspunkt.
Vielleicht sollten wir genau diese Norm öfter hinterfragen. Nicht mit dem Ziel, jede Grenze aufzulösen oder jede Diagnose abzuschaffen, sondern mit der Frage: Wie eng muss unsere Vorstellung eines „normal funktionierenden Menschen“ eigentlich sein?
Vielleicht brauchen wir weniger Schubladen – aber nicht gar keine
Ich glaube nicht, dass wir alle Unterschiede wegdefinieren sollten. Und ich glaube auch nicht, dass Diagnosen grundsätzlich ein Problem sind. Im Gegenteil: Für manche Menschen ist eine Diagnose unglaublich wichtig, weil sie zum ersten Mal erklärt, warum bestimmte Dinge im Leben so viel schwerer waren. Sie kann Orientierung geben, Selbstverständnis fördern und überhaupt erst den Zugang zu Unterstützung ermöglichen.
Aber vielleicht sollten Diagnosen uns nicht nur etwas über einen Menschen erzählen. Vielleicht sollten sie uns manchmal auch etwas über unsere Umwelt erzählen.
Wenn Menschen immer wieder an denselben Strukturen scheitern, dürfen wir zumindest fragen, ob ausschließlich die Menschen angepasst werden müssen. Vielleicht könnten Schulen beweglicher sein, Arbeitswelten flexibler, Räume reizärmer, Kommunikation vielfältiger und Lernen weniger standardisiert.
Nicht deshalb, weil es keine echten Einschränkungen gibt. Sondern weil eine Gesellschaft selbst mit beeinflusst, wie stark eine Besonderheit zur Einschränkung wird.
Von einem Extrem ins nächste bringt uns nicht weiter
Vielleicht haben wir lange zu viel stigmatisiert. Vielleicht romantisieren wir heute an manchen Stellen zu stark. Aber wir müssen deshalb nicht wieder von einem Extrem ins nächste springen.
Menschen sind unterschiedlich. Manche Unterschiede brauchen Behandlung, manche Unterstützung, manche andere Rahmenbedingungen. Manche brauchen überhaupt nichts davon. Und häufig ist es eine Mischung aus mehreren Dingen.
Vielleicht ist wirkliche Inklusion deshalb nicht erreicht, wenn wir immer neue Schubladen erschaffen und anschließend versuchen, jede dieser Schubladen möglichst positiv zu besetzen. Vielleicht beginnt sie dort, wo ein Mensch nicht erst beweisen muss, dass sein Anderssein eine besondere Stärke ist, um damit akzeptiert zu werden.
Schwierigkeiten dürfen benannt werden, ohne einen Menschen darauf zu reduzieren. Unterschiede dürfen existieren, ohne dass wir sie sofort bewerten müssen. Und Diagnosen dürfen hilfreich sein, ohne zur gesamten Identität eines Menschen zu werden.
Schwierigkeiten dürfen benannt werden, ohne einen Menschen darauf zu reduzieren. Unterschiede dürfen existieren, ohne dass wir sie sofort bewerten müssen. Und Diagnosen dürfen hilfreich sein, ohne zur gesamten Identität eines Menschen zu werden.
Am Ende bleibt für mich deshalb weniger die Frage, ob wir Schubladen grundsätzlich brauchen oder nicht. Viel spannender finde ich die Frage, wer sie eigentlich braucht – und wofür.
Braucht ein Mensch eine Diagnose, um sich selbst besser zu verstehen, Unterstützung zu bekommen oder endlich Worte für die eigene Erfahrung zu finden? Dann kann diese Schublade sehr wertvoll sein.
Oder braucht vor allem unser System Kategorien, weil es mit all den Zwischentönen menschlicher Unterschiedlichkeit sonst nur schwer umgehen kann?
Brauchen Menschen wirklich so viele Schubladen – oder braucht vor allem unser System sie, damit es mit menschlicher Vielfalt umgehen kann?
*Bildmaterial ist KI generiert




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